„Lindau, meine Liebe!“

Aus der Lindauer Zeitung 19.10.2019 (von Susi Donner) – Dieser Bericht treibt mir eine verlegene Röte ins Antlitz.

_MG_3167Geheimnisse aus dem Rock’n’Roll-Tagebuch

Grasgrünes Jackett, grasgrüne Krawatte: Herr Hämmerle aus Bempflingen (sowas wie Wasserburg) schmust das Lindauer Publikum mit seinem schwäbischen Charme und seiner Schlagfertigkeit nieder. (Foto: susi donner)

Das Publikum in der vollbesetzten Casino-Bühne in der Lindauer Spielbank kann gar nicht zu Lachen aufhören. Dabei hat Herr Hämmerle, alias Bernd Kohlhepp, die Bühne bereits verlassen. Nach mehr als 120 köstlichen Minuten mit allerschönstem Improvisationskabarett, in denen der Künstler eine enge Bindung zu seinem Publikum aufgebaut hat – und umgekehrt. Deshalb mögen sie nun auch nicht so wirklich voneinander lassen.

Doch schauen wir auf den Beginn des Abends. Bernd Kohlhepp ebnet den Weg für Herrn Hämmerle. Er grooved sich mit dem Publikum in den vorderen Reihen ein. Denn es ist genau sein Spiel mit den Zuschauern, denen er mit so viel Schlagfertigkeit begegnet, und die unnachahmliche Situationskomik, die daraus entsteht, die die Auftritte von Bernd Kohlhepp so einzigartig, und jeden Abend zur Premiere machen. Heute sind es Manfred aus Wasserburg. Martin. Ute. Helga. Harald. Sandra und Jürgen, die er sich ganz schnell zu Freunden macht. Kohlhepp verschwindet – und der unglaubliche Herr Hämmerle tritt auf. Grasgrünes Jackett. Grasgrüne Krawatte. Der Rest von ihm ist edel in Schwarz gekleidet. Schaut interessant aus und führt dazu, dass später eine Dame aus dem Publikum von ihm wissen will, ob er denn zum Frosch wird, wenn sie ihn küsst. „Kommt drauf an wie viele Kröten du hast“, kontert er.

„I sing halt gern“

Herr Hämmerle hat sein Rock’n’Roll- Tagebuch dabei. Garantiert ohne Hurenkinder oder Schusterjungen, weil in handschriftlichem „Flow“ verfasst. Er will sein Publikum in seine tiefsten Tiefen blicken lassen. „Schonungslos kommen meine fürchterlichsten Geheimnisse auf den Tisch“, verspricht er und erzählt, dass er aus Bempflingen kommt. Das sei sowas wie Wasserburg. Schwelgt über seinem ersten Kuss mit Frau Mägerle, der im Tagebuch natürlich festgehalten ist. Ein paar Zuspätkommer treffen ein und werden liebevoll von Hämmerle begrüßt: „Nasitze und Gosch halte!“ Hämmerle quasselt und schwäbelt an einem Stück weiter, wechselt ohne Punkt und Komma zwischen Programm und spontanen Einfällen. Sein Publikum lacht eigentlich pausenlos – bis auf die kurzen Zeiten in denen es Hämmerles Lieder mitsingt. Interpretationen berühmter Lieder von Elvis oder Luis Prima, denen er seine eigenwilligen Texte verpasst hat . „I sing’ halt gern“, sagt er mit seinem ausgeprägten schwäbischen Charme und lässt sein Becken in dynamischem Elvis-Hüftschwung zucken. Verkündet beiläufig seine Philosophie „such lieber nach dir selber. Da kannst du auf dem Sofa liegen bleiben.“ Die hanebüchenen Geschichten aus seinem Tagebuch erzählen von seinem ersten Handy 1994, dessen Mailbox er nur in Stuttgart abhören konnte, weil der Empfang in Bempflingen so schlecht war. Von dementen Radios. Menschen mit Bauernmalerei (Tatoos) am Körper. Vom Weihnachtsfest mit seiner Familie – sieben Jahre in Folge haben er und seine Geschwister dieselbe Märklin-Eisenbahn geschenkt bekommen. Von seinem Vater, den seine Mutter wegen seiner Unterwäsche Jack den Feinripper genannt habe. Von Weihnachtsbredle die „gebackene und komprimierte Mutterliebe“ seien. Vom Weihnachtskarpfen in der Badewanne (Karpfen isst man nicht wegen seines Geschmacks, sondern trotzdem), den die Kinder toll fanden, weil sie außer Silberfischchen keine Haustiere haben durften. Schlaflose Nächte habe ihm der Kinderabzählreim „Ene mene dubbe dene, Duppe dene dalia, Ebbe bebbe bembio, Bio bio buff“ bereitet.

Dann ist Martin wieder dran, der mit verschränkten Armen in der ersten Reihe sitzt: „Tu das nicht. Da verletzt du dich beim Klatschen.“ In beinahe jedem seiner Sätze steckt eine Pointe, ein Brüller. „Der Hämmerle ist einfach der Hammer! Gnadenlos witzig“, trifft ein Zuschauer den Nagel auf dem Kopf.

Am Ende wird Hämmerle sehr philosophisch. Sein letzter Eintrag in sein Tagebuch werde am 17. November 2078 sein. Den hat er schon mal vorgeschrieben, solange das noch gut geht. Später dann, wenn der Sensenmann mit seinem Balkenmäher kommt, da will er sagen, dass er alles gemacht hat, was er machen wollte. In sein Schlusslied, das im Original „Susanna“ heißt, baut er alle seine neuen Freunde ein. Sensationell. Ach ja: der Karpfen hieß übrigens Karl-Heinz.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s