„Kathoden und Anoden“ – Katholikentag in Stuttgart

Hu, wurde da vielleicht der Bock zum Gärtner gemacht ? Ich bin doch sogenannter „Wüschtgläubiger“, also Protestant – und mein letzter Kirchgang ist nur deshalb noch nicht so lange her, weil ich mich bei der Konfirmation meiner Nichte habe sehen lassen müssen.

FOTO: SWR.de

Es gibt Kirchenkabarettisten – und anscheinend eine ganze Menge davon. Sie heißen „Klüngelbeuter“ oder „Duo Camillo“ oder „Maulflaschen“ oder einfach Ulrike Böhmer. Die ist leider krank und zu Hause in Iserlohn geblieben. Aber alle sie haben einen ehrenvollen Auftrag. Kritische Worte und schräge Perspektiven zur Kirche. Löblich.

Vom Renitenztheater und den Organisatoren bekomme ich den ehrenvollen Auftrag, beim Katholikentag den Kabarettabend „Trinitus“ als Moderator zu begleiten. Das mache ich. Nicht ganz ohne seelisches Grummeln. Ich habe bisher erfolgreich alle Kirchentage vermieden – als Jugendlicher und auch als später als Kabarettist.

Ich recherchiere. „Trinitus“ – „Trinidad“ „Trinitatis“. „Trinitatis“ Das ist der erste Sonntag nach Pfingsten. Naja immerhin.

Aber ich habe Vermittler an der Hand. Die informieren mich. Im Rahmen des Katholikentags wurde das Reiterstandbild Karls des Großen auf dem Karlsplatz mit einem roten Tuch verhüllt. Die Stuttgarter Nachrichten haben berichtet. Weil dieser anscheinend ein übler Kolonialist war.

Stimmt irgendwie. Und ich erinnere mich an die Zwangstaufe von 9.000 Germanen bei den Externsteinen bei Bad Lippspringe. Wer nicht einverstanden war, wurde geköpft. Heißt es. Und jetzt hat der Mann anscheinend ein Reiterdenkmal am Karlsplatz in Stuttgart.

Und auch ist viellos: Anfahrtswege wurden polizeilich gesperrt, Straßenzüge mit Zelten versehen. Überall Menschen mit blassorangen Schals. Aha aha aha. Und jetzt ist Kabarettabend. Alle Gruppen überziehen fröhlich die ihnen zugedachte Spielzeit von 20 Minuten. Für die Abendandacht um 22:00 Uhr wird es knapp. Egal. Wir leben nur einmal und das hier ist der Himmel…!

Fabian Vogt, der Reinhard Mey der Kirchenlieder, besticht durch seine Stimme und sein gewandtes Auftreten. Die beiden Brehmenburgs, „Klingelbeutel“ aus Leipzig – vormals Köln, zeigen Wortkabarett und steuern die Zugabesong bei („Du bist Kirche“), Die „Maulflaschen“, ein Quintett aus dem Ländle, spielen mit vielen Zwischenumzügen, aber dann so enthusiasmiert, dass sich die Balken biegen und die Stimmung im Saal explodiert

Herr Hämmerle erzählt noch etwas von seiner religiösen Sozialisierung. Nur kurz, denn viel Zeit bleibt nicht mehr bis zur Abendandacht.

Die Vorstellung im Renitenztheater ist also wild und umjubelt, wie ich es sonst nur aus dem Jugendzentren der 80er Jahre kenne. Menschen aus Westfalen, aus dem Rheinland, Untertürkheim und sonst wo her. Ausgelassene Stimmung. Viel Kirchenobrigkeits-Bashing und Woelki-Witze.

Nur einer steht auf und geht noch vor der Zugabe, der Herr aus Lüdinghausen, Er will wohl die Abendandacht erreichen. Könnten knapp geworden sein.

Aber – und jetzt kommt es – das mit rotem Tuch verhüllte Reiterdenkmal auf dem Karlsplatz stellt nicht Karl der Große, sondern Wilhelm I dar. Ein Kolonialist. Zweifelsohne. Das erklärt Bettina aus Untertürkheim. Man lernt doch immer was dazu.

Aber immerhin hat dieser keine Germanen zwangsbekehrt. Aus diesem Grund schlage ich vor den Karlsplatz in Wilhelmsplatz umzubenennen.

Zumindest erstmal.

Zum Weiterbilden: https://www.swr.de/swraktuell/baden-wuerttemberg/stuttgart/statue-kaiser-wilhelm-katholikentag-verhuellung-100.html

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s